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Ko-Anhängigkeit überwinden

21.07.2016
Flaschen, Flaschen, Flaschen und kein Ende: Den meisten Mitgliedern der Angehörigengruppe in der Bramscher Suchtberatung sind solche Bilder nur zu vertraut. Symbolfoto: Jens Büttner/dpa

Flaschen, Flaschen, Flaschen und kein Ende: Den meisten Mitgliedern der Angehörigengruppe in der Bramscher Suchtberatung sind solche Bilder nur zu vertraut. Symbolfoto: Jens Büttner/dpa

Bramsche. In den Räumen der Suchtberatung am Kirchplatz in Bramsche treffen sich alle vierzehn Tage Angehörige von Suchtkranken - zum Erfahrungsaustausch und um sich gegenseitig Halt zu geben. Geleitet wird diese „Hilfe zur Selbsthilfe“ von Sozialarbeiterin Natalia Ruder.

Sieben Frauen und Männer haben sich an diesem Mittwochabend im Besprechungsraum im Erdgeschoss des früheren Kirchenkreisamtes versammelt. Wir nennen sie Kerstin, Eugen, Frank, Stefanie, Jakob, Karl-Heinz und Melanie. Natürlich heißen sie im wirklichen Leben anders, aber sie haben es sich ausbedungen, anonym zu bleiben. Nicht jeder möchte etwas sagen. Was die anderen berichten, ist harte Realität. Ihre Partner sind alkoholabhängig oder nehmen Drogen, einige seit Jahrzehnten, bei anderen kam der Absturz plötzlich. Aber, so formuliert es Frank: „Die Schicksale sind ziemlich gleich“. Er meint „das Lügen für den Partner“, die „ewigen Versprechungen“ der Suchtkranken, die Isolation, wenn sich Freunde und Bekannte zurückziehen.

Stefanie bestätigt das. „Es war ein schleichender Prozess“. Ihr Mann trank immer schon gern „mal einen“, aber er hatte sich im Beruf und im alltäglichen Leben immer im Griff. Doch dann gab es Stress im Beruf. Anfang des Jahres fing er an, Flaschen zu verstecken, trank, wenn seine Frau nicht zuhause war, stritt ab, getrunken zu haben, und wenn, dann nur „ein kleines Bier“. Es gab Streit, immer heftiger, bis ihr Mann den Koffer aufs Bett knallte, und androhte, die Familie zu verlassen. „Dann hat er versprochen, er hört auf. Und ich habe immer wieder nachgegeben“, räumt sie selbstkritisch ein. „Ich möchte doch nur nicht, dass er da liegt und trinkt“.

Wodka flaschenweise

Frank nickt. Seit mehr als zwanzig Jahren ist seine Frau alkoholkrank. Aus dem Bier in Gesellschaft wurde Wodka, „und zuletzt flaschenweise“. Die Frau trank exzessiv, schlief mitten im Gespräch ein, erlitt schließlich mehrere Unfälle. „Aber ich hatte einfach nicht die Kraft, wegzugehen. Ich liebe meine Frau doch. Wir sind über 30 Jahre verheiratet. Erst als er seine Frau mit einem offenen Knochenbruch fand, wusste er: „Ich muss sagen, bis hierher und nicht weiter.“ Er brachte seine Frau zur Entgiftung, dann in die Therapie. „Die Kraft dafür hole ich mir hier in der Gruppe“, sagte er und fügt nachdenklich hinzu: „Die Brocken hinzuschmeißen, wäre für uns nicht der richtige Weg gewesen“. Seit einem Jahr ist seine Frau trocken, aber „die Angst vor dem Rückfall ist immer da“. Auch um solche Ängste aufzufangen, ist die Angehörigengruppe da. „Man ist einfach mit abhängig. Beide müssen sich ändern“, beschreibt es Frank. „Heute würde ich bei einem Rückfall sagen: ‚Meine Frau ist betrunken‘“.

Immer neue Ausreden

Stefanie kennt die Ängste: „Ich merke sofort, wenn er etwas getrunken hat“. Die kleinste Veränderung der Aussprache, ein ungewöhnlicher Glanz in den Augen, reichen, um alle Warnlampen aufleuchten zu lassen. Wenn es wieder soweit war, habe ich nur mit seinem Arbeitgeber und meiner Mutter geredet, und ansonsten versucht, es vor allen anderen zu verbergen“. „Ich habe meine Ko-Abhängigkeit ganz lange nicht wahrhaben wollen“, gibt auch Kerstin zu, und dass, wohl ihr Mann sie im Rausch schlug und übergriffig wurde. Sie erfand ständig neue Ausreden und zog sich immer mehr zurück.

Melanie schüttelt den Kopf: „Für meinen trinkenden Partner zu lügen, das würde ich nie tun“. Eine „klare Ansage“ habe es gegeben, als er sich immer wieder betrank, weil ihm „die Scheidung von seiner Ex-Frau“ zuviel wurde. Jetzt befinde er sich in der Reha. „Nein, so einen schleichenden Prozess, kennen wir nicht. Wir gehen das jetzt als Team an“, beteuert sie.

Halt im Glauben

Mit seinen Ängsten allein sein möchte auch Eugen nicht, aber er will auch etwas weitergeben. Sein Cousin hat früh die Eltern verloren, ist abgerutscht, hat Drogen genommen, schließlich Wohnung und Arbeit verloren. „Es hat mir einfach wehgetan, zu sehen, wie er sich fertigmacht“, sagt er . Inzwischen habe der junge Mann wieder Fuß gefasst und sich von den Drogen distanziert. Eugen hofft, dass es von Dauer ist. Er weiß, wie schwer das ist, denn er war selbst heroinabhängig. „Dann ist mit mir ein Wunder geschehen“, berichtet er. Er fand zum Glauben und schaffte es so, seine Abhängigkeit zu besiegen. Er betont es immer wieder: „Mit Gottes Hilfe habe ich es geschafft.“ Das will er den anderen Angehörigen sagen.

Raus aus alten Verhaltensmustern

„Wir versuchen hier, Tipps zu geben, damit ein Rückfall nicht zur Katastrophe wird und damit beide nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen“, sagt Natalia Ruder. Seit 2014 gibt es die offene Gruppe mittlerweile, die sich 14-tägig, mittwochs von 17.45 bis 19.20 Uhr .meist in relativ stabiler Besetzung trifft. Für eine erfolgreiche Suchtbehandlung seien die Bezugspersonen der Kranken äußerst wichtig . Ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit seien wertvoll für ein Gelingen der Abstinenz.

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