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Osnabrücker Ex-Junkie über Heroin, Osna-Team und Raiffeisenplatz

08.03.2017
Seit gut zwei Jahren ist Christian (Name geändert) clean. Regelmäßig geht er ins Café Connection getroffen, einer Anlaufstelle für Drogenabhängige der Diakonie. Aufgewachsen ist er im emsländischen Papenburg. Seit 2000 lebt er in Osnabrück. Foto: Sven Kienscherf

Seit gut zwei Jahren ist Christian (Name geändert) clean. Regelmäßig geht er ins Café Connection getroffen, einer Anlaufstelle für Drogenabhängige der Diakonie. Aufgewachsen ist er im emsländischen Papenburg. Seit 2000 lebt er in Osnabrück. Fotos: Sven Kienscherf

Osnabrück. Christian hat schon einiges hinter sich. Mit 18 nahm der heute 39-Jährige das erste Mal Heroin. Mit Anfang 20 saß er fast vier Jahre im Gefängnis, weil er einen Menschen angeschossen hatte. Heute versucht er sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.

Seit gut zwei Jahren ist Christian (Name geändert) clean. Wir haben den 39-Jährigen im Café Connection getroffen, einer Anlaufstelle für Drogenabhängige der Diakonie. Aufgewachsen ist er im emsländischen Papenburg. Seit 2000 lebt er in Osnabrück.

Christian, ein Klischee will es, dass Junkies eine schwere Kindheit hatten.
Ich bin in einem relativ behüteten Elternhaus groß geworden. Meine Mutter war wie eine Glucke, das ist sie heute noch. Mein Papa war hart, aber herzlich. Er war Ingenieur auf der Meyer-Werft, meine Mutter war Hausfrau. Meine Eltern haben immer hinter mir gestanden.

Wann ging es mit Drogen los?
Bei mir fing das mit 16 Jahren im Zeltlager an, ganz klassisch mit einem Joint. Dann kam der Konsum von Amphetaminen, diversen Tabletten und Party-Drogen. An meinem 18. Geburtstag habe ich Heroin genommen.

Wie war das?
Ich habe das ein paar Mal geraucht, das hat mir nicht so gefallen. Dann habe ich gespritzt. Nach dem Konsum mit der Spritze hatte ich dieses „Wow-Gefühl“, das ich immer gesucht hatte. Man merkt es im Kopf, im Körper. Das ist wie ein acht Stunden langer Orgasmus. Man geht nachher zwar kotzen, aber das ist egal.

Hatten Sie keine Angst vor HIV?
Angst nicht, aber Respekt. Es ist ja so, dass man in jeder Apotheke Spritzen kaufen darf. In Städten wie Osnabrück gibt es auch Automaten. Wer sich mit HIV ansteckt, der legt es drauf an. Klar, im Gefängnis ist es so, dass sich ein Flur vielleicht eine Spritze teilt, das gibt es auch. Das habe ich aber Gott sei Dank nicht miterlebt.

Wie lange hält der Rausch an?
Gutes Heroin wirkt acht Stunden lang. Dann verlässt es die Rezeptoren im Kopf und die körperlichen Entzugserscheinungen fangen an: Die Nase läuft, Durchfall, Schüttelfrost. Wenn man richtig drauf ist, braucht man alle acht Stunden Heroin, damit es einem gut geht. Man muss morgens, wenn man aufsteht, was nehmen, damit man sich nicht in die Hose macht.

Verändert man sich?
Meine damalige Freundin hat zu mir gesagt: „Du bist nicht mehr der Mensch, den ich kennengelernt habe. Du bist nur noch gereizt und genervt.“ Das stimmt. Man merkt nicht mehr, wie man seine Mitmenschen behandelt. Es interessiert einen auch nicht. Es interessiert nur noch das eigene Ego, die Droge, die Beschaffung.

Ein Film, der sich mit Heroin befasst, ist Trainspotting. Beschreibt er die Szene ganz gut?
Die Härte und die Gleichgültigkeit, die die Drogen in einem hervorrufen, werden schon ganz gut beschrieben. Die Szene, wo das Baby stirbt zum Beispiel, wo der Typ cool sagt: „Ich koche uns mal eben was auf.“ Das ist wirklich so. Heroin nimmt einem die Traurigkeit. Es könnte ein Angehöriger sterben und man würde es während des Rausches relativ locker wegstecken.

Wie haben Sie die Drogen finanziert?
Am Anfang waren es Kleinigkeiten. Als ich Anfang 20 war, haben wir einem Dealer Drogen abgenommen. Wir sind bei dem eingestiegen. Wir hatten einen Berg Heroin und Kokain – da haben wir tagelang von gezehrt. Das können Sie sich nicht vorstellen. Allerdings ist der Dealer darauf gekommen, wer hinter dem Diebstahl steckt. Die haben richtig Jagd auf mich gemacht und mich übel zusammengeschlagen. Die haben 140.000 DM von mir gefordert.

Wie ging es weiter?
Ich hatte wirklich Angst um mein Leben. Mein Vater war damals Jäger. Ich hatte einen Jagdschein und eine Waffenbesitzkarte und einen scharfen Revolver zu Hause liegen. Den habe ich zu meinem eigenen Schutz getragen. Als die mit drei Leuten kamen, habe ich in Panik auf einen von denen geschossen. Ich habe vier Jahre wegen versuchten Totschlags bekommen.

Wie war die Zeit im Knast? Wie haben Sie die erlebt?
Am Anfang war es natürlich beängstigend für mich. Man kann nicht hingehen, wo man will. Man denkt, wo kriege ich jetzt meine Drogen her? Das war am Anfang meine größte Sorge. Ich habe mir eine Schreibmaschine in den Knast bringen lassen und habe zig Briefe geschrieben an Gerichte und Therapieeinrichtungen, um da wegzukommen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich aber gemerkt, dass es mir ganz gut tut. Man fängt an, nachzudenken. Wie unglücklich hast du viele Menschen gemacht? Was hast du deinen Eltern angetan? Nach und nach wurde es besser. Man sah wirklich Licht am Horizont und irgendwann kam die Entlassung. Das ist natürlich ein großartiges Gefühl gewesen. Ich habe eine Wohnung bekommen, Arbeit, alles. Ich habe wirklich gedacht, ich werde nie wieder rückfällig. Aber dann hat es mich tatsächlich wieder eingefangen.

Sie gehören zu der Szene, die sich am Raiffeisenplatz trifft. Die ist ja immer wieder Gesprächsthema in der Stadt.
Die Anwohner sind natürlich nicht davon angetan, dass sich so eine Szene vor den Häusern befindet. Wir haben uns aber dafür eingesetzt, dass wir mehr Mülleimer dahin kriegen, damit die Szene nicht mehr so in Verruf kommt. Dass die Leute, die da vorbeigehen, keine Angst zu haben brauchen. Wir haben für ein kleines Häuschen an der Hase gekämpft, was wir bekommen werden.

Wie ist das Verhältnis zur Stadt?
In Osnabrück wird für Abhängige relativ viel getan. Man muss nur die Hilfe suchen und annehmen. Es gibt hier etliche Anlaufstellen, wo man sich beraten lassen kann, die einem Hilfe anbieten. Zu bestimmten Polizisten ist das Verhältnis respektvoll, würde ich sagen. Aber gerade die jüngeren Beamten schießen mit einigen Aktionen über das Ziel hinaus. Es wäre gut, wenn man vernünftig mit uns redet und uns nicht gleich verhaftet, nach dem Motto: Du kommst jetzt mit und bekommst ein Platzverbot. Das Osna-Team ist anders. Die unterhalten sich mit den Leuten und gucken hinter die Fassade. Die helfen mit Auskünften oder ganz konkret. Die bringen einem, der keine Bude hat, auch mal einen Schlafsack mit. Das finde ich klasse, das ist ja nicht selbstverständlich.

Sie sind Vater einer elfjährigen Tochter. Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihrem Kind?
Wir sehen uns eher selten, aber wir haben Kontakt. Das ist mir wichtig. Meistens wird gesimst oder wir schreiben uns über Facebook. Wir sehen uns ab und zu bei meinen Eltern in Papenburg, wenn sie Schulferien hat.

Was sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre?
Ich würde am liebsten komplett mit der Substitution aufhören und wieder als Schweißer arbeiten. Das mache ich gerne und das kann ich gut. Das wäre mein Ziel. Ich muss zwischendurch was machen, sonst gehe ich kaputt. Ich habe jetzt in den zweieinhalb Jahren, in denen ich nicht gearbeitet habe, über 20 Kilogramm zugenommen. Ich war nie so dick wie heute. Ich möchte auch noch ein paar Jahre älter werden und vielleicht einen Enkel auf dem Schoß haben und dafür kämpfe ich. Auch für unsere Rechte, die wir haben, als Menschen. Wir sind ja eigentlich kranke Menschen.

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