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Spritzentausch: Unterwegs in der Osnabrücker Drogenszene

26.11.2016
Sozialarbeiter Norman Zipplies verteilt auf dem Raiffeisenplatz neue Spritzen an die Drogensüchtigen, die sich dort treffen. Alte Spritzen können bei ihm abgegeben werden. Foto: Michael Gründel

Sozialarbeiter Norman Zipplies verteilt auf dem Raiffeisenplatz neue Spritzen an die Drogensüchtigen, die sich dort treffen. Alte Spritzen können bei ihm abgegeben werden. Fotos: Michael Gründel

Osnabrück. Norman Zipplies hat alles dabei, was Junkies brauchen. In seinem Rucksack hat er einzelne Spritze genauso wie abgepackte Fixerbestecke inklusive Löffel parat.

„In dem Rucksack ist alles bis auf das Heroin“, sagt Zipplies und erzählt, dass es einige Menschen gibt, die diese Art von Unterstützung kritisch sehen. Seit zehn Jahren arbeitet der 37-Jährige als Sozialarbeiter im Café Connection, einer Anlaufstelle für Drogensüchtige an der Hermannstraße, die von der Diakonie getragen wird.

Mehrmals in der Woche suchen Zipplies und seine Kollegen die einschlägigen Treffpunkte der Osnabrücker Drogenszene auf. An diesem Tag ist er mit Praktikantin Sarah Schuling unterwegs. Wenn die Drogensüchtigen keine gebrauchte Spritze zum Tauschen haben, können sie bei den Sozialarbeitern für ein paar Cent eine neue kaufen. So soll die Ausbreitung von Infektionskrankheiten verhindert werden.

Auf etwa 600 Männer und Frauen schätzt Zipplies die Zahl der Menschen in der Stadt Osnabrück, die abhängig sind von harten Drogen. Die meisten mischen verschiedene Substanzen durcheinander. Heroin, Kokain, Medikamente, Cannabis, Bier. „Den reinen Heroinkonsumenten gibt es kaum noch“, sagt Zipplies.

Etwa 450 Menschen in Stadt und Landkreis befinden sich in einer Substitutionstherapie, sagt der Sozialpädagoge. Sie bekommen Methadon oder ein anderes Medikament, damit sie kein oder zumindest weniger Heroin nehmen. Ziel der Therapie ist es, dass die Menschen ganz davon loskommen.

Auch wenn das eher selten gelingt, verschafft die Substitution den Abhängigen eine Atempause, erklärt Zipplies. „Sie kommen eine Zeit lang aus dem Kreislauf von Geldbeschaffung, Drogenkauf und Drogenkonsum raus.“ Medikamente wie Methadon verschaffen zwar keinen Kick, sagt Zipplies, aber sie behandeln die körperlichen Entzugserscheinungen von Heroin wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.

Auch die Gesellschaft profitiere davon, wenn Süchtige im Programm seien, sagt Zipplies. Ein Teil der Beschaffungskriminalität falle weg. „Drogenkonsum kostet Geld. Die meisten der Menschen, die im Programm sind, beziehen ALG II. Eigentlich müsste es für sie schon schwierig sein, Zigaretten zu finanzieren.“ Betrug, Prostitution, Diebstahl und Dealen seien oft der Weg, um an das Geld für die Drogen zu kommen.

Ein Teil der Abhängigen trifft sich an öffentlichen Plätzen, das sind die Leute die gemeinhin als "die Szene" bezeichnet werden. Einer der Anlaufpunkte für sie ist der Raiffeisenplatz. Etwa 30 bis 40 Leute stehen an diesem Morgen in dem Grünstreifen. Viele halten ein Bier in der Hand. Die Szene teilt sich in zwei Gruppen auf; in der einen Ecke stehen Männer, die aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion kommen. Sie sprechen Russisch miteinander. In der anderen Ecke wird Deutsch gesprochen. Die Gruppen haben nicht viel miteinander zu tun.

Viele der Menschen, die sich auf dem Raiffeisenplatz treffen, holen sich in einer Praxis in der Nähe ihre Substitutionsmedikamente. Laut Zipplies gibt es sechs zugelassene Substitutionsärzte in Osnabrück.

Nach Angaben der Bundesärztekammer sollen Ärzte eigentlich maximal 50 Patienten substituieren. In der Praxis sind es bei einigen Ärzten deutlich mehr. „In wenigen Jahren wird sich diese Situation noch verändern, wenn Ärzte in den Ruhestand gehen“, sagt Zipplies.

Paul ist gerade auf dem Raiffeisenplatz eingetroffen, schwarze Kleidung, schwarze Mütze. Paul, der anders heißt, aber anonym bleiben will, guckt hier täglich vorbei, meistens für ein, zwei Stunden. „Um zu gucken, ob alle noch leben.“ Paul ist jetzt 40. 25 Entgiftungen hat er schon hinter sich, schätzt er. Mit 26 Jahren habe er mit Heroin angefangen.

„Ich war das liebe Einzelkind, das zu viel Geld zugesteckt bekommen hat. Ich hatte zu viel Möglichkeiten alles auszuprobieren.“ Jetzt lebe er zusammen mit seiner Freundin und deren Sohn in einer Wohnung in Osnabrück. „Morgens räume ich die Wohnung auf, trinke einen Kaffee und sage meiner Freundin Hallo", sagt Paul. „Ich glaube nicht, dass ich der typische Junkie bin.“ Eigentlich will er aufhören mit den Drogen. „Meine ganzen Kumpels sterben langsam weg.“

„Die Zahl der Drogentoten in der Stadt Osnabrück bewegt sich in den letzen Jahren im Schnitt immer zwischen 10 und 15 Menschen“, sagt Zipplies. 2016 habe das Drogenhilfenetzwerk in Osnabrück zwar 21 Tote gezählt. Dass die Zahl so in die Höhe geschossen ist, sei aber eher dem Zufall geschuldet.

Die überwiegende Zahl der Toten sei über 50 Jahre alt gewesen, viele hätten seit 30 Jahren konsumiert. Zwei Menschen seien an Gewalteinwirkung gestorben. Gewalt sei die Ausnahme in der Szene, aber sie komme vor, sagt Zipplies. Das sagt auch Paul. „Das ist kein Kindergarten hier, hier geht es um harte Drogen.“

Auch der Hauptbahnhof ist eine Station, die die Sozialpädagogen regelmäßig aufsuchen. Heute ist nicht viel los. Eine Frau sitzt neben ihrem Hund auf dem Vorplatz, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Vor ihr stehen zwei Männer, die Zipplies freundlich begrüßen. Sie wollen mit dem Zug nach Münster fahren und ein Auto abholen. Thomas, auch er heißt eigentlich anders, ist 43 Jahre und seit zwanzig Jahren in der Szene unterwegs. Er schimpft auf das Hilfssystem und die Ärzte in Osnabrück. Die Ärzte wollen seiner Meinung nach nur Geld verdienen, das Angebot an Hilfen reiche nicht aus.

Norman Zipplies sieht das anders. Es gebe viele Einrichtungen in der Stadt, die sich um Drogensüchtige kümmern, angefangen von der Dusche bis zum günstigen Essen gebe es viele Möglichkeiten Hilfe zu bekommen. „Aber die Angebote sind natürlich mit einem sozialarbeiterischen Ansatz verbunden, den manche nicht wollen.“

Noch vor zehn, zwanzig Jahren wurden Menschen wie Paul oder Thomas selten älter als 40 Jahre alt, erzählt Zipplies. „Dank Substitution, psychosozialer Begleitung und Angeboten wie dem Café Connection hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung um viele Jahre verlängert.“ In ein paar Tagen wird er wieder neue Spritzen in den Rucksack packen.

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