NOZ -Rund um Osnabrück 2.6.2010
Der lange Weg in ein nüchternes Leben
b.r. GMHütte/Belm.
„Feiern – Spaß haben – kotzen“. So fasst Kevin seine Eindrücke aus vergangenen Feten zusammen. So wie die anderen 15 jungen Männer im Gruppenraum der Diakoniesuchtberatung hat er ganz spezielle Erfahrungen mit Alkohol und Drogen gemacht.
Obwohl es den entscheidenden Klick – nämlich abstinent zu leben – bei ihm noch nicht gegeben hat, setzt er einmal in der Woche auf „Move“. Move ist ein Gruppenangebot der Suchtberatung in Georgsmarienhütte. Move bringt Bewegung in den Kopf.
Jeder in der Gruppe hat eine eigene Geschichte. Jan und Sven (die Namen wurden geändert) sind zum ersten Mal dabei. Der 22-jährige Jan ist voll gedröhnt mit Crack am Steuer erwischt worden. Jetzt muss er zur MPU, und damit er eine Chance hat, die zu bestehen, nimmt er an der „motivierenden Kurzintervention – kurz Move – teil.
Wie die meisten anderen ist Jan also nicht ganz freiwillig hier. Die anstehende MPU oder gerichtliche Auflagen führten die jungen Männer zu Move. Move ist keine Suchttherapie, sondern eine Aufforderung zum Nachdenken. Es geht um Austausch, Gespräche, Informationen über Suchtmittel und Reflexion.
Sven hat mehrmals Mist gebaut, ist gewalttätig geworden, immer mit reichlich Alkohol im Körper. Irgendwas muss sich ändern, meint Sven. Auch Neuling Jan versichert, niemals mehr „breit“ Auto zu fahren. Bei beiden hat die Bewegung eingesetzt.
Sozialpädagogin Kerstin Poppe fragt, wie das letzte Wochenende war, ob es etwas zu feiern gab. Kevin, 17 Jahre alt, hatte sogar einen besonders triftigen Grund. Er hat seinen Realschulabschluss in der Tasche. Ist das ein Anlass zum Trinken? „Klar,“ meint Kevin. Schließlich bringen Lügen nichts, außerdem kann man sich bei Move alles erzählen. Allerdings hat auch bei Kevin die Bewegung eingesetzt. Nichts Hochprozentiges, gute Feier und die Nachwirkungen gering, so sein Fazit.
Ob schon jemand gefeiert habe, ohne dabei Alkohol zu trinken, fragt Kerstin Poppe. Drei junge Männer melden sich. Ihre nüchternen Feten waren witzig, vor allem als alle anderen bei jedem Bier mehr abgingen. Seit diesen Erfahrungen hat der 21-jährige Björn sein Limit gefunden und ist nicht mehr ausgerastet. Für Kerstin Poppe ist das die Bewegung, die sie sich wünscht: die Grenzen erkennen, den Alkohol- oder Drogenkonsum reflektieren und das Verhalten ändern. „Bei fast allen Move-Teilnehmern ergeben sich Veränderungen im Konsumverhalten“, sagt die Sozialpädagogin. Es entwickeln sich sogar neue Freizeitideen und berufliche Perspektiven.
Drei Flaschen Korn
„Dienstältester“ in der Move-Gruppe ist Tobias. Der 20-Jährige ist seit 14 Monaten trocken. Als mit zwei oder drei Flaschen Korn pro Tag sein Leben auf Messers Schneide stand, kam bei ihm der entscheidende Klick. Er kam freiwillig zu Move, wurde in die Akutentgiftung und später in die Langzeittherapie vermittelt. Move ist er treu geblieben. Er fühlt sich stabil und hat eine Ausbildung begonnen.
Der bewegende Klick kam auch bei weiteren 12 jungen Menschen. Sie kamen ebenfalls durch Move in die Therapie und bewegen sich jetzt in ein nüchternes Leben. Die Zahl der Move-Teilnehmer stieg sprunghaft an. Im ersten Move-Jahr 2008 ließen sich 151 Teilnehmer bewegen, bis Ende 2009 fast 400. Zehnmal treffen sich die Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren.
Treffpunkt (auch ohne Anmeldung) montags, 17.30 bis 19 Uhr in Georgsmarienhütte, Am Kasinopark 13, Tel. 05401/3658710, E-Mail: info@suchtberatungsstelle.de