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30 Jahre Sucht: Ein Substituierter aus Osnabrück berichtet

21.07.2018
Raphael (Name geändert) befindet sich in der Suchtbehandlung. Er nimmt Buprenorphin, das seine Schmerzen lindern soll. Foto: Michael Gründel

Raphael (Name geändert) befindet sich in der Suchtbehandlung. Er nimmt Buprenorphin, das seine Schmerzen lindern soll. Foto: Michael Gründel

Einmal monatlich muss Raphael zum Arzt und bekommt dort sein Ersatzmittel Subutex mit dem Wirkstoff Buprenorphin. Foto: Michael Gründel

Einmal monatlich muss Raphael zum Arzt und bekommt dort sein Ersatzmittel Subutex mit dem Wirkstoff Buprenorphin. Foto: Michael Gründel

Suchtberater Norman Zipplies. Foto: Michael Gründel

Suchtberater Norman Zipplies. Foto: Michael Gründel

Von Sandra Dorn

Osnabrück. Nicht jedem Opioidabhängigen sieht man seine Suchterkrankung an. Raphael aus Osnabrück ist ein lebenslustiger 50-Jähriger, trägt Sneakers, kurze Jeans und ein kariertes Hemd von Tommy Hilfiger. Ein selbstbewusst wirkender Mann, der bereit ist, unserer Redaktion seine Geschichte zu erzählen.

Wie er und seine Geschwister als Kinder vom Vater verprügelt wurden, wie er schon als Jugendlicher anfing zu kiffen. Wie vor einem Jahr sein jüngerer Bruder an einer Lungenentzündung starb, weil dessen Körper durch jahrelangen Drogenkonsum zu geschwächt war. Warum er jeden Monat zur psychosozialen Begleitbetreuung der Diakonie in der Hermannstraße 1 kommt. Raphael befindet sich im Substitutionsprogramm, bekommt von seinem Arzt ein Ersatzmittel, um sukzessive komplett clean zu werden. In Wahrheit heißt Raphael anders. Nur seine Freundin und die Verwandtschaft kennen seine Suchtgeschichte – und das soll auch so bleiben.

Jeden Monat muss der 50-Jährige bei seinem Arzt eine Urinprobe abgeben, er ist so weit, dass er das Medikament Subutex mit nach Hause nehmen darf.

Zur psychosozialen Begleitbetreuung (PSB) der Diakonie kam er zunächst, weil er musste: Die regelmäßige Beratung war Pflicht für diejenigen, die ins Substitutionsprogramm aufgenommen werden wollten. Vor bald einem Jahr trat eine Änderung der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung in Kraft. Jetzt sind die Ärzte nur noch angehalten, die Beratung zu empfehlen. Die Befürchtungen von Norman Zipplies, PSB-Koordinator bei der Diakonie, dass die Klientenzahlen einbrechen würden, haben sich mittlerweile zerstreut. Raphaels Arzt etwa schrieb ihm vor, alle drei Monate die Beratung wahrzunehmen, doch er kam freiwillig alle vier Wochen zu seiner Beraterin und tut dies bis heute. „Mit ihr kann ich offen über alles reden, sie hilft, indem sie mir zuhört.“

Beratung als Bestandteil der Therapie

„Im Rahmen der Behandlung ist die PSB ein wichtiger Bestandteil“, sagt Norman Zipplies. Er und seine Kollegen leisten Suchtberatung, unterstützen in Alltagsfragen, begleiten beim Kontakt mit Behörden wie dem Jobcenter, helfen in Krisen und sind ohnehin Ansprechpartner bei allen Problemen. 360 Drogenabhängige beraten sie derzeit. Auch wenn die Wahrnehmung der Beratungsleistungen nicht mehr Pflicht ist, sagt Peter Flüchter, Chefarzt am suchtmedizinischen Zentrum des Ameos-Klinikums: „Ich betrachte es nach wie vor als einen sehr wichtigen Bestandteil der Behandlung, von dem die Menschen sehr profitieren können.“

Mit 15 fing Raphael an zu kiffen, sieben Jahre später ging er über zu harten Drogen: Kokain zum Aufputschen, Heroin zum Runterkommen. Er spritzte nicht, sondern schnupfte. Doch dadurch ist die Abhängigkeit nicht geringer. 1993 machte er die erste Therapie, heiratete, wurde rückfällig, machte die nächste Therapie. Dann starb mit zweieinhalb Jahren sein Sohn an Krebs. „Das sind Schicksalsschläge, die erträgt ein Süchtiger nicht“, sagt Raphael. Er stürzte ab. „Ich habe meine ganze Eigentumswohnung verballert, um an Geld zu kommen.“ Und als das weg war, wurde er kriminell, ein halbes Jahr saß er im Gefängnis wegen Beschaffungskriminalität. Nach 13 Jahren war auch seine Ehe am Ende. Als sein Bruder vor einem Jahr starb, griff er zur Flasche. „Ich habe nur noch gesoffen“, erzählt er. „Dann habe ich mich selbst eingewiesen ins Ameos.“ Seine Beraterin kam ihn dort besuchen, das half.

Mittlerweile ist er seit zehn Jahren runter von harten Drogen und seit wenigen Monaten sogar frisch verliebt. Um clean zu bleiben, benötigt er immer noch Medikamente. Raphael nimmt nicht das bekannte Mittel Methadon, sondern den Substitutionswirkstoff Buprenorphin in Tablettenform. „Das geht nur, wenn man schon stabil ist“, sagt Diakonie-Suchtberater Norman Zipplies. „Viele brauchen aber den Rausch.“ Den verschafft Methadon in abgeschwächter Form. Raphael hingegen benötigt Buprenorphin gegen Schmerzen. 2011 hatte er einen heftigen Bandscheibenvorfall.

Er hat sich komplett zurückgezogen von der Osnabrücker Drogenszene. „Ich möchte mich nicht in Gefahr bringen“, sagt er. Das ist einer der Gründe, warum er sich nicht in Osnabrück behandeln lässt, sondern alle vier Wochen zu seinem Arzt nach Bruchmühlen im Kreis Herford fährt.

Gedenken an die Drogentoten

16 Menschen sind in Osnabrück zwischen Juli 2017 und Juli 2018 an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben – das entspricht in etwa dem Niveau der Vorjahre. Am 23. Juli wird bundesweit der Drogentoten gedacht. In Osnabrück findet auch in diesem Jahr wieder in der Gertrudenkirche ein ökumenischer Gedenkgottesdienst statt, Beginn ist um 17 Uhr.

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