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Cybersex-Süchtiger aus Osnabrück spricht über Wege aus dem Zwang

25.08.2018
Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet ein Cybersex-Süchtiger aus Osnabrück, wie er den Weg aus dem Zwang geschafft hat. Symbolfoto: imago stock&people

Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet ein Cybersex-Süchtiger aus Osnabrück, wie er den Weg aus dem Zwang geschafft hat. Symbolfoto: imago stock&people

Von Sebastian Philipp

Osnabrück. Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet ein Mann aus Osnabrück, wie er seine Sucht nach Cybersex mit Hilfe der Diakonie überwunden hat.

Warum haben Sie sich Hilfe bei der Diakonie geholt?

Vor rund zwei Jahren wurde mir von meiner damaligen Partnerin schlagartig bewusst gemacht, was für ein ungesundes Verhältnis ich zu Online-Pornografie und Dating-Portalen habe. Ich merkte, dass in meinem Medienkonsum etwas steckt, das mit Suchtverhalten zu tun hat.

Welches Ausmaß hatte ihr Medienkonsum denn und was haben Sie überhaupt konsumiert?

Ich habe täglich und im Grunde genommen immer, wenn sich die Möglichkeit ergeben hat, Pornos angeschaut oder auf Dating-Portalen gechattet. Das habe ich über einen längeren Zeitraum unentdeckt von meiner Freundin und meinem Freundeskreis getan. Beispielsweise wenn ich früher aufstehen musste als sie, habe ich morgens beim Kaffee in der Küche Pornos geschaut.

Ging es dabei um Pornos schauen oder auch um Selbstbefriedigung?

Ich habe mich dabei auch selbst befriedigt.

Haben Sie sich auch mit den Frauen getroffen, mit denen Sie gechattet haben?

Nein, darum ging es nicht, sondern um das reine Chatten. Ich wollte mich auch nie mit den Frauen treffen, sondern nur Selbstbestätigung bekommen. Eine attraktive Frau für mich zu interessieren, daraus habe ich die Bestätigung gezogen.

Wie lange ist es Ihnen gelungen, Ihre Sucht vor Ihrer Freundin geheimzuhalten?

Ziemlich lange, ungefähr ein Dreivierteljahr. Im Nachhinein ist es interessant zu sehen, wie ausgefeilt meine Mechanismen waren, das Problem zu verheimlichen. Übrigens nicht nur vor meiner Umwelt, sondern auch vor mir selbst.

Und irgendwann ist Ihre Partnerin dann dahintergekommen?

Ja, und auf einmal war ich mit dem riesigen Ausmaß konfrontiert, das mein Verhalten angenommen hatte. Ich habe gemerkt, wie wenig ich eigentlich darüber nachdachte und wie wenig bewusst ich das machte. Dann habe ich mir psychologische Hilfe geholt. Unterbewusst war mir schon vorher klar, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Auseinandergesetzt habe ich mich damit aber nie. Der Drang, Pornos zu konsumieren oder zu Chatten war immer stärker als das Bewusstsein, dass es so nicht okay ist. Eigentlich war mir auch klar, dass es für meine Partnerin ganz schlimm gewesen sein muss, aber ich konnte es nicht lassen.

Aber der kritische Medienkonsum kam ja wahrscheinlich nicht von heute auf morgen?

Ich habe während der Therapie mein Leben Stück für Stück zurückverfolgt. Mir ist dabei klar geworden, dass das Problem schon in meiner Jugend anfing und schon immer ein Ventil war für Unzufriedenheit in und mit meinem Leben.

Wie sehr hat Sie Ihre Sucht im Alltag eingeschränkt?

Aus damaliger Sicht gefühlt gar nicht, denn mein Verhalten war in gewisser Weise Normalität für mich. Erst jetzt merke ich, wie angenehm und befriedigend es ist, nicht dieses eben erwähnte Ventil nutzen zu müssen.

Sie sagen, dass Ihr Konsum ein Ventil für andere Probleme war. Konnten Sie herausfinden, wo der Schuh drückt?

Das waren mehrere Aspekte, die wir in der Therapie herausgearbeitet haben. Ein Punkt sind Selbstwertprobleme, die schon seit der Kindheit bestehen und unter anderem auf die Beziehung zu meinen Eltern zurückzuführen sind. Das sind einfach Dinge, die dazu geführt haben, dass sich bei mir eine Grundunzufriedenheit eingestellt hat, die ich mit irgendetwas kompensieren wollte.

Viele Menschen mit Suchtproblemen geraten in eine Abwärtsspirale. Haben Sie auch so etwas bei sich beobachtet?

Eher weniger, da ich ja alles in meinem kleinen Kosmos geheimhalten konnte. Während des Studiums habe ich mich bei einem Sexportal angemeldet und das Abo später nicht gekündigt. Das war für mich als Student natürlich ein Kostenfaktor, zumal meine Mutter davon Wind bekommen hat. Das war mir damals aber eine Lehre und ich habe die Mechanismen, das Problem geheimzuhalten, noch weiter ausgefeilt.

In meiner Jugendzeit habe ich außerdem mal für eine hohe Telefonrechnung gesorgt, weil ich bei Sex-Hotlines angerufen habe. Das ist natürlich auch nicht unentdeckt geblieben. Eigentlich waren das aber die einzigen Momente, in denen ich aufgeflogen bin.

Haben Sie sich damals aus eigenen Stücken Hilfe geholt?

Ja, es geschah nicht auf Druck meiner Partnerin. Ich war, als mein Verhalten aufgedeckt wurde, von mir selbst total schockiert. Das Schlimmste war zu sehen, in welchem Ausmaß ich einen Menschen verletzt hatte, den ich nie verletzen wollte. Schlagartig habe ich eine Seite von mir entdeckt, die nie in meinem Selbstbild vorhanden war.

Haben Sie heute ein großes Schamgefühl, wenn Sie darüber sprechen?

Es kommt drauf an. Wenn ich über den Moment spreche, in dem mein Verhalten aufgeflogen ist, habe ich ein großes Schamgefühl. Auf der anderen Seite macht es mir nichts aus, über meine Probleme zu sprechen. Ich habe in gewisser Weise meinen Frieden damit gemacht. Außerdem bin ich mittlerweile absolut davon überzeugt, dass jeder irgendein Problem mit sich herumschleppt.

War der Anfang der Therapie schwer?

Ich hatte glaube ich schon die richtige Grundeinstellung: Ich wusste, dass etwas nicht in Ordnung ist und wollte die Chance nutzen, herauszufinden, was es ist. Ich war unzufrieden mit meinem Leben und wollte suchen, was mich beherrscht und einschränkt. Dabei war mir klar, dass ich die Kontrolle aus der Hand geben und bereit sein muss, mit unangenehmen Dingen konfrontiert zu werden.

Haben Sie Pornos und Sexchats sofort den Rücken gekehrt?

Ich habe den Konsum am Anfang der Gespräche erst stark reduziert und dann komplett eingestellt. Es hat in der Vergangenheit aber natürlich auch kleinere Rückfälle gegeben. Ich kompensiere mein Verhalten allerdings auch mit für mich weniger schadhaften Dingen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich in letzter Zeit verhältnismäßig viel Playstation spiele und mir dort Bestätigung hole. Daran sehe ich, dass einige grundlegende Probleme vielleicht noch nicht behoben sind.

Allerdings beobachte ich mich heute ganz anders und habe gelernt, ehrlicher mit mir selbst umzugehen. Heute habe ich die Kontrolle über meinen Medienkonsum.

Sind Sie heute manchmal wütend auf sich selbst?

Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich ein paar Jahre vergeudet. Das frustriert, aber ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Jetzt habe ich der Hand, was ich mache.

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