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Diakonie will Online-Süchtigen in Osnabrück helfen

25.08.2018
Die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention der Diakonie Osnabrück hat ein neues Gruppenangebot für Menschen aufgelegt, die ihren Medienkonsum wie beispielsweise das Zocken von Videospielen nicht mehr unter Kontrolle haben. Symbolfoto: Michael Gründel

Die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention der Diakonie Osnabrück hat ein neues Gruppenangebot für Menschen aufgelegt, die ihren Medienkonsum wie beispielsweise das Zocken von Videospielen nicht mehr unter Kontrolle haben. Symbolfoto: Michael Gründel

Christian Teeken und Martina Weidemann-Reich leiten das neue Gruppenangebot für Menschen mit problematischem Medienkonsum bei der Diakonie. Foto: Michael Gründel

Christian Teeken und Martina Weidemann-Reich leiten das neue Gruppenangebot für Menschen mit problematischem Medienkonsum bei der Diakonie. Foto: Michael Gründel

Ulrike Sensse ärgert sich darüber, dass die Spieleindustrie immer mehr versucht, auch schon Kinder anzusprechen. Foto: Michael Gründel

Ulrike Sensse ärgert sich darüber, dass die Spieleindustrie immer mehr versucht, auch schon Kinder anzusprechen. Foto: Michael Gründel

Von Sebastian Philipp

Osnabrück. Immer mehr Menschen haben auch in Osnabrück Probleme mit ihrer ausufernden Mediennutzung. Für Online-Süchtige hat die Diakonie jetzt ein Hilfsangebot ins Leben gerufen.

Wie viele Menschen in der Region schon fast zwanghaft zu Smartphone, Gamepad und Co. greifen, weiß Ulrike Sensse nicht. Doch die Leiterin der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention bei der Diakonie Osnabrück beobachtet, dass immer mehr Menschen ein Problem mit ihrem Medienkonsum haben. Um es mit einem Stereotyp zu beschreiben: Längst ist es nicht mehr nur der 17-jährige Hardcore-Zocker, der von seinen Eltern in die Fachstelle gezerrt wird. "Die Gruppe der Interessenten ist sehr gemischt - was das Geschlecht angeht, aber auch altersmäßig", sagt Sensse.

Durchgezockte Nächte, ausufernde Shoppingtouren im Internet oder stundenlanges Pornoschauen: Als Reaktion auf diese Phänomene hat die Diakonie jetzt ein entsprechendes Gruppentherapieangebot aufgelegt. Die Zielgruppe: Alle Personen ab 18 Jahren, die ein Problem mit unterschiedlichen Medien haben. Dass das nicht nur mehr die Hardcore-Gamer sind, bestätigen auch Martina Weidemann-Reich und Christian Teeken, die das neue Gruppenangebot leiten werden.

Während es bei beispielsweise Heroin-Konsumenten recht schnell klar ist, dass eine Abhängigkeit vorhanden ist, ist die Standortbestimmung bei einem mutmaßlich ausufernden Medienkonsum nicht immer einfach. Anzeichen für eine Abhängigkeit gibt es aber trotzdem. "Wenn jemand sagt, dass er seinen Medienkonsum selbst nicht mehr unter Kontrolle hat, ist das natürlich schon ein Hinweis", sagt Weidemann-Reich. Kritisch wird es immer dann, wenn sich Betroffene in ihre Welt zurückziehen, Termine mit Freunden absagen oder auf Schlaf verzichten, um zu chatten oder zu spielen. Nicht zuletzt leiden Weidemann-Reichs Klienten auch unter körperlichen Beschwerden wie Verspannungen oder gar Mangelernährung. "Die Klienten haben in der Regel einen massiven Leidensdruck", sagt die Diplom-Psychologin.

Kontrolle über Konsum erlangen

Um herauszufinden, ob Interessenten in das Gruppenangebot passen, gibt es in der Fachstelle drei bis fünf unverbindliche, kostenlose und anonyme Beratungsgespräche. Schon jetzt hat das Team um Teeken und Weidemann-Reich einige Klienten in der Einzelbetreuung, die Probleme mit ihrer Mediennutzung haben. Ein Gruppenangebot gab es bislang jedoch nicht. Sensse verspricht sich allerdings viel davon. In der Gruppe, die bis zu zwölf Teilnehmern Platz bietet, sollen die Teilnehmer lernen, wieder die Kontrolle zu erlangen über den Medienkonsum und letztlich ihr Leben. Klar ist, dass es eine völlige Abstinenz in den meisten Fällen nicht geben kann - ganz ohne Smartphone, Computer und Co. geht es oft alleine schon beruflich nicht.

Gemeinsamkeiten entdecken

Vorgesehen sind wöchentlich stattfindende Gruppengespräche, bei denen der gegenseitige Austausch im Mittelpunkt steht. Gewollt ist der offene Charakter des Angebots, "Anfänger" treffen auf Menschen, die schon seit einiger Zeit in Therapie sind. "Dadurch sehen die Klienten auch Fortschritte bei den anderen Gruppenmitgliedern. Im besten Fall erkennen sie, dass trotz unterschiedlicher Probleme an der Oberfläche gewisse Gemeinsamkeiten bestehen", sagt Weidemann-Reich. "Das soll letztlich dazu führen, dass die Teilnehmer sich und ihr Tun hinterfragen." Flankiert werden die Gruppentermine von Einzelgesprächen.

In der Regel dauert eine Therapie in der Fachstelle mindestens ein Jahr, viele Klienten bleiben sogar länger. "Die Kostenträger haben mittlerweile realisiert, dass es sinnvoll ist, etwas länger begleitet zu werden, weil die Folgeschäden gravierend sein können", sagt Sensse.

Für Teeken und Weidemann-Reich ist die Betätigung in diesem recht neuen Feld eine kleine Herausforderung. "Eine fundierte Forschungsgrundlage gibt es noch nicht, dafür hat sich beispielsweise der Gaming-Bereich in den vergangenen Jahren zu dynamisch entwickelt. Dennoch gibt es für uns Behandlungsbausteine, die Überschneidungen zu anderen Impulskontrollstörungen haben", sagt Weidemann-Reich. Für ihren Kollegen Christian Teeken ist die Arbeit auch deswegen spannend, weil sie eine stete Auseinandersetzung mit der Materie bedingt. "Man muss dabei einfach up-to-date bleiben und sich laufend über neue Entwicklungen informieren. Das ist aber ja heute durch Google kein Problem mehr."

Ärger über Spieleindustrie

"Die Videospielindustrie macht mittlerweile einen Umsatz, der höher ist als der der Musik- und Filmindustrie zusammen", sagt Sensse. Ihr ist dabei vor allem das Gebaren der Spielehersteller ein Dorn im Auge, die gezielt schon Kinder und Jugendliche ansprechen wollen. "Dass dabei immer mehr Elemente des Glücksspiels eingesetzt werden, macht mir Sorgen."

 

Zur Sache:

Videospielsucht als eigenständige Krankheit

Ob nun Sucht oder Störung der Impulskontrolle – auch bei der Weltgesundheitsorganisation WHO ist abnormer Medienkonsum ein Thema. Unlängst hat die WHO diese Krankheitsbilder in ihren neu gefassten Klassifizierungskatalog ICD aufgenommen, dem weltweit maßgeblichen Handbuch für medizinische und psychologische Diagnosen. Ärzte und Psychologen können durch die Klassifizierung Behandlungskosten für Klienten mit solchen Störungen abrechnen. Im ICD 11, der aktuellen Fassung, sind diese unter dem Label "Gaming Disorder", also quasi Spielsucht beschrieben.

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