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Zahl der Substitutionsärzte in Osnabrück am unteren Limit

21.07.2018
Wer sich in der Suchtbehandlung befindet, bekommt solch einen Ausweis. Jede Vergabe müssen die Ärzte akribisch dokumentieren, damit Missbrauch der Drogenersatzmittel vermieden wird. Foto: Michael Gründel

Wer sich in der Suchtbehandlung befindet, bekommt solch einen Ausweis. Jede Vergabe müssen die Ärzte akribisch dokumentieren, damit Missbrauch der Drogenersatzmittel vermieden wird. Foto: Michael Gründel

Von Sandra Dorn

Osnabrück. Rund 480 Drogenabhängige unterziehen sich in Osnabrück laut kassenärztlicher Vereinigung einer Substitutionstherapie mit Methadon oder anderen Medikamenten. Die Zahl der Ärzte bewegt sich dabei seit Jahren am unteren Limit.

Einzelne Praxen versorgen deshalb mehr als doppelt so viele Patienten versorgen, als die Richtlinien es vorgeben. Nur so kann die Versorgung aller Patienten gewährleistet werden.

„Wir haben zu wenige Substitutionsärzte“, sagt Norman Zipplies. Der Sozialarbeiter koordiniert bei der Diakonie in Osnabrück die psychosoziale Begleitbetreuung: Er und sein Team beraten und unterstützen all diejenigen, die versuchen, mit Ersatzmitteln wie Methadon oder Buprenorphin von Heroin und anderen harten Drogen herunterzukommen. Ist die Suchterkrankung stark ausgeprägt, müssen die Patienten täglich in die Praxis kommen und das Ersatzpräparat unter Aufsicht einnehmen. Wer stabiler ist, darf nach Ermessen des Arztes das jeweilige Mittel auch mit nach Hause nehmen und muss nur wöchentlich oder monatlich in der Praxis erscheinen.

Ärzte gehen in den Ruhestand

Seit Anfang der 1990er-Jahre wird Methadon in Deutschland zur Substitutionsbehandlung eingesetzt. Bei den Ärzten, die diesen Job übernahmen, schwang damals viel Idealismus mit. In den vergangenen Jahren sind in Osnabrück einige dieser Substitutionsärzte der ersten Stunde in den Ruhestand gegangen. Allen voran Uwe Schwichtenberg am Ameos-Klinikum, dessen Job Peter Flüchter übernommen hat. Auch eine andere Praxis hat einen Nachfolger gefunden, bei einer weiteren hingegen haben sich die Patienten auf die verbliebenen Ärzte verteilt. Fünf Schwerpunktpraxen gibt es noch.

Eine davon ist die Substitutionsambulanz der Diakonie in der Hermannstraße 1, wo sich auch Zipplies‘ Arbeitsplatz und das Café Connection befinden. Rund 150 drogenabhängige Patienten sind dort bei Ärztin Maria Bauder in Behandlung, sagt Norman Zipplies. „110 bis 120 kommen hier jeden Tag rein. Da ist es schwer, aus der Szene rauszukommen.“ In den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Gremiums der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands, steht: „Ein Arzt soll in der Regel nicht mehr als 50 Opioidabhängige gleichzeitig substituieren.“ Die Genehmigung erteilen die kassenärztlichen Vereinigungen (KV). „Die KV kann in geeigneten Fällen zur Sicherstellung der Versorgung den Genehmigungsumfang erweitern“, heißt es weiter in den Richtlinien. Und davon machen die KV reichlich Gebrauch. Dass die Zahlen bei einzelnen Praxen über 50 Patienten liegen, sei „nichts Außergewöhnliches, wenn ein Arzt das ausschließlich macht“, sagt Oliver Christoffers, Geschäftsführer der Bezirksstelle Osnabrück der kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen.

"Versorgungslage sichergestellt"

„Die Versorgungslage in Osnabrück ist im Moment sichergestellt und wir sind zuversichtlich, dass es so bleibt“, so Oliver Christoffers. Wie hoch der faktische Bedarf ist, lasse sich jedoch kaum sagen. „Die Zahl der Patienten schwankt.“ 16 Ärzte in der Stadt hätten eine Genehmigung – mit einer Kapazität, insgesamt 850 Patienten zu versorgen. Allerdings fallen auch diejenigen Hausarztpraxen darunter, in denen Ärzte ohne suchtmedizinische Zusatzqualifikation maximal zehn Patienten substituieren dürfen – in der Regel solche, die auch schon vor der Suchterkrankung Patienten der Praxis waren und nicht den Arzt wechseln wollen. Christoffers räumt ein: „Es ist schwierig, behandelnde Ärzte zu finden.“

Warum, dafür kann Peter Flüchter, Chefarzt am suchtmedizinischen Zentrum des Ameos-Klinikums diverse Gründe aufzählen: „Hauptgründe sind in meinen Augen das mangelnde Interesse, die schlechte Bezahlung, der hohe bürokratische Aufwand sowie Sorgen um juristische Probleme, nicht zuletzt auch die Tatsache, dass dieses Klientel des Öfteren ein herausforderndes Verhalten zeigt, das im Ablauf einer Hausarztpraxis stören könnte“, so Flüchter. „Außerdem muss die Praxis dann täglich zur Vergabe geöffnet sein, was nicht einfach zu organisieren ist.“

Zwar bestätigt er, dass die Substitution derzeit in Osnabrück sichergestellt sei: „Jeder Patient kann eine entsprechende Behandlung zeitnah erhalten.“ Aber: „Es wäre wünschenswert, wenn die Behandlung insgesamt durch mehr Ärzte und Praxen vorgenommen würde, um eine gleichmäßigere Verteilung und Versorgung zu ermöglichen.“

 

Zur Sache: Wie wirken Methadon und andere Substitutionsmittel?

„In der Substitutionstherapie opiatabhängiger Menschen werden zumeist Methadon beziehungsweise sein wirksamer ‚linksdrehender‘ chemischer Verbindungsanteil Levomethadon verwendet, seltener Buprenorphin beziehungsweise Buprenorphin in Kombination mit Naloxon", erläutert Peter Flüchter, Chefarzt am suchtmedizinischen Zentrum des Ameos-Klinikums. "Sehr selten wird auch Diamorphin, retardiertes Morphin oder Dihydrocodein/Codein verwendet. Methadon, Levomethadon und Codein werden als Trinklösung angeboten, Buprenorphin und die Kombination aus Buprenorphin und Naloxon, sowie das retardierte Morphin oder retardiertes Methadon als Tablette und Diamorphin zur intravenösen Anwendung. Letzteres ist reines Heroin und ist Schwerstkranken vorbehalten, bei denen deren Abhängigkeit von Heroin mit anderen Ersatzdrogen nicht befriedigend behandelt werden konnte.“

Methadon habe die - von vielen Patienten durchaus erwünschte - Nebenwirkung, dass eine gewisse Bewusstseinstrübung, ein „Benebelt-Sein“ einhergeht, insbesondere bei einer höheren Dosierung. „Dies geht vor allem vom ‚rechtsdrehenden‘ Verbindungsanteil aus, der beim Levomethadon fehlt und daher dort geringer ausgeprägt ist“, so Flüchter. Buprenorphin wiederum ruft dieses Benebelt-Sein nur in erheblich geringerem Maße hervor. Die Kombination von Buprenorphin und Naloxon habe den Vorteil, dass Naloxon Entzugssymptome auslöse, sobald die Patienten zusätzlich beispielsweise Heroin konsumieren. Dadurch werde dieser Beikonsum eher gemieden.

Methadon wurde 2005 von der Weltgesundheitsorganisation in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen.

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